
Therapie im Wohnzimmer
Mats'eliso Setoko
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Der ehemalige SolidarMed-Mitarbeiter, Ethnologe und Gesundheitsexperte Thomas Gass prägte das SolidarMed Antiretroviral Treatment-Programm (SMART) seit der ersten Stunde. Ein Gespräch über die Herausforderungen der HIV-Bekämpfung in Afrika und neue Partnerschaftsmodelle im Zeitalter der Dekolonisierung.
Thomas Gass, das Kerngeschäft von SolidarMed beschränkte sich traditionell auf die Rekrutierung und die Entsendung von Schweizer Ärzt:innen nach Afrika. 2004 betrat SolidarMed mit HIV-Therapie-Programmen in betroffenen afrikanischen Ländern Neuland. Wie ist es dazu gekommen?
«Bereits seit dem Jahr 2000 gründete SolidarMed neben den traditionellen Partnerschaften zu den Missionsspitälern Länderbüros mit lokalen Mitarbeitenden. Dies erlaubte, grössere Projekte an Land zu ziehen und effizient abzuwickeln. Dank Generika aus Indien fielen die Medikamentenpreise für wirksame antiretrovirale Therapien (ART) auf ein erschwingliches Niveau. Es gab viel Geld und wenig lokale Strukturen. Und daraus konnte SolidarMed Kapital schlagen. Mit einem neuen Thema und altbewährten Partnerschaften.»
Herzstück des neuen Therapie-Programms war der Aufbau von HIV/Aids-Kliniken an afrikanischen Spitälern. Was waren die Herausforderungen?
«Eine chronische Krankheit kontinuierlich zu überwachen, war ein Novum im afrikanischen Gesundheitswesen. Es gab weder ein Terminbuch noch ein digitales Patientendossier. Wir mussten alle Prozesse neu definieren. Das war alles sehr arbeitsintensiv und erforderte viel Disziplin und ein Umdenken bei den Patienten selbst.»
Die wirksame antiretrovirale Therapie veränderte den Charakter der Krankheit fundamental. Es ging nicht mehr um ein Sterben an Aids, sondern um die Frage, wie man mit HIV leben kann.
Thomas Gass, Ethnologe und Gesundheitsexperte
Erlauben Sie mir eine kritische Anmerkung: Mit den lebenswichtigen HIV/Aids-Therapien in Afrika schienen sich die Schweizer Ärzte ihrer nagenden Selbstzweifel entledigt zu haben. Der Druck in Richtung Afrikanisierung des Gesundheitswesens war auf einmal wie weggeblasen, das westliche Expertentum erlebte eine Renaissance.
«Diese Interpretation ist für die Anfangsphase sicherlich richtig. Da wollte und konnte man das Wissen von Schweizer Infektiologinnen und Infektiologen nicht entbehren. Doch mit der fortlaufenden Integration von SMART in die nationalen HIV/Aids-Programme wurde der Einfluss von lokalen Ärzt:innen und Pflegenden immer wichtiger.»
Hätten Sie hierzu ein konkretes Beispiel?
«Wichtig am SMART-Programm war seine dezentrale Struktur. Wir wollten raus aus dem Spital und aufs Land. Wir handelten komplementär zum staatlichen Gesundheitswesen, übernahmen jene Funktionen, die der Staat noch nicht abdecken konnte.»
Welche Rolle spielten die Patient:innen selbst?
«HIV/Aids mit seinen Millionen Opfern in Afrika war eine Seuche unvorstellbaren Ausmasses. Die wirksame antiretrovirale Therapie veränderte den Charakter der Krankheit fundamental. Es ging nicht mehr um ein Sterben an Aids, sondern um die Frage, wie man mit HIV leben kann. In den Dörfern etablierten sich zahlreiche HIV-Selbsthilfegruppen, der Krankheitsstatus wirkte prägend auf die eigene Identität.»
Wie waren diese Selbsthilfegruppen organisiert?
«Diese wurden meist von einem sogenannten Expert Patient:in geleitet. Sie organisierten Gruppentreffen, sensibilisierten die Gruppenmitglieder für Themen wie bessere Ernährung oder Landwirtschaft. Dafür wurden sie vom Programm in Simbabwe mit einem Velo und einem T-Shirt entschädigt.»

Das klingt stark nach HIV-Aktivisten-Romantik ...
«Das sollte es auf keinen Fall tun. Trotz der sichtbaren Erfolge waren die Herausforderungen riesig. Vor der Etablierung der Selbsthilfegruppen haben rund ein Drittel aller Patientinnen und Patienten ihre antiretrovirale Therapie abgebrochen. Die apostolische Kirche, welche die Aids-Medikamente verteufelte, spielte dabei einen gewichtigen und unrühmlichen Part.»
Das Augenmerk liegt nicht mehr ausschliesslich auf HIV/Aids, sondern darauf, dass die Patient:innen oft an einer Kombination von infektiösen und chronischen Krankheiten leiden
Thomas Gass, Ethnologe und Gesundheitsexperte
Auf der einen Seite standen die Selbsthilfegruppen. Auf der anderen die schier riesige Anzahl internationaler NGOs, die unkoordiniert und mit viel Geld in der Tasche in afrikanische Länder einmarschierten. Inwiefern schmälerte diese Situation die Erfolge des SMART-Programms?
«Dem HI-Virus wurde oberste Priorität eingeräumt, andere Krankheiten aber vernachlässigt. Gerade überdotierte Stiftungen und Initiativen aus den USA überhäuften afrikanische Dorfbevölkerungen mit Labormaterial, Geschenken und Geld, um sie für ihre Programme zu gewinnen. Dies schuf eine falsche Erwartungshaltung, säte Unmut, kreierte Abhängigkeiten und schürte Ineffizienz.»
Wo stehen wir heute?
«Das Augenmerk liegt nicht mehr ausschliesslich auf HIV/Aids, sondern darauf, dass die Patient:innen oft an einer Kombination von infektiösen und chronischen Krankheiten leiden: Tuberkulose, Bluthochdruck, Diabetes oder Krebs gehören dazu. Das SMART-Programm wurde von den afrikanischen Regierungen erfolgreich in die Gesundheitssysteme integriert. Trotzdem steht die internationale Zusammenarbeit an einem Scheideweg. Der Forderung nach einer stärkeren Dekolonisierung kann man sich nicht länger verschliessen. Es braucht neue Formen der Partnerschaft, die sich nicht mehr auf dem ökonomischen Ungleichgewicht zwischen Nord und Süd abstützen, sondern stärker auf gleichen Werten und Vertrauen aufbauen.»
Seit dem Gründungsjahr 1926 prägen Menschen mit Engagement und Mut die Geschichte von SolidarMed. In dieser Porträtreihe beleuchten wir Persönlichkeiten, deren Einsatz die Entwicklung von SolidarMed und die Gesundheitsversorgung in Afrika nachhaltig geprägt hat.
Dieses Portrait ist ein Auszug aus einer Reihe von historischen Zeitzeugnissen, welche im Auftrag von SolidarMed von Marcel Dreier und Lukas Meier aufbereitet wurden. Die vollständige Arbeit der beiden Historiker ist als Buchband erhältlich.