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Edgar Widmer
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1999 ging die langjährige Partnerschaft zwischen SolidarMed und der katholischen Kirche in Tansania in die Brüche. Im Kern drehte sich der Konflikt um die ‹Tansanisierung› des St. Francis-Spitals, darum, wer das Sagen hatte, wem das Spital gehörte und was es leisten sollte. Opfer dieser traumatischen Episode waren die beiden tansanischen Ärzte Dominik Mboya und Kafuruki Shubis. Die Geschichte einer Entzweiung.
Am von der Schweizer Kapuzinermission gegründeten St. Francis-Spital im tansanischen Ifakara bestimmten die Akteure der Schweizer Entwicklungshilfe grundlegende Fragen des Managements und der medizinischen Ausrichtung des Spitals. SolidarMed schickte Schweizer Ärztinnen und Ärzte, welche die medizinische Leitung innehatten.
Mitte der 1980er-Jahre kamen diese Gewissheiten und Abhängigkeiten ins Bröckeln. Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) sowie zahlreiche entwicklungspolitisch motivierte Ärztinnen und Ärzte hinterfragten die ‹neo-kolonialen Strukturen› und plädierten für eine schrittweise Übergabe der Verantwortung an tansanische Ärzte, bekannt als Tansanisierung.
Mit Patience Kibatala spitzte sich der Konflikt zwischen dem Bischof und der Schweizer Entwicklungspolitik langsam zu
Dominik Mboya, tansanischer Arzt
Zwei Ärzte, die diese Neuerung hautnah miterlebten, waren die in Ifakara ausgebildeten Mediziner Dominik Mboya und Kafuruki Shubis. Kafuruki Shubis trat 1981 seine erste Stelle am St. Francis an und erklomm rasch die Karriereleiter: Er übernahm die Leitung der chirurgischen Abteilung, zwischen 1997 und 1999 war er stellvertretender medizinischer Leiter des Spitals. 1986 trat Dominik Mboya in den Dienst des St. Francis-Spitals ein. Ähnlich wie sein Freund Shubis machte er rasch Karriere. Zuerst als Leiter der Abteilung für Innere Medizin, dann als jener der Diagnostikabteilung und des Medical Audit Panels.
«Die Tansanisierung des Spitals wurde umsichtig kommuniziert und Schritt für Schritt umgesetzt», sagt Kafuruki Shubis. Doch die Menschen im Umkreis von Ifakara assoziierten die weissen Doktoren mit Qualität der medizinischen Versorgung. Einer, dem die Tansanisierung etwas schal im Mund schmeckte, war ausgerechnet der Eigentümer des Spitals, Bischof Agapiti Ndorobo. Nur durch Druck vonseiten der DEZA liess er sich dazu überreden, den freigewordenen Posten eines Chefarztes mit einem Tansanier zu besetzen. Die Wahl fiel auf Patience Kibatala, eine der wichtigsten Persönlichkeiten in der katholischen Kirchgemeinde.

«Mit Patience Kibatala spitzte sich der Konflikt zwischen dem Bischof und der Schweizer Entwicklungspolitik langsam zu», erinnert sich Dominik Mboya. Ein Problem war seine imponierende Beratungsresistenz. Ärzte aus den vernachlässigten Abteilungen beklagten sich darüber, dass ihre lautstark vorgebrachte Kritik am Spitalmanagement von Kibatala konstant unter den Teppich gekehrt wurde, weil dieser beim Erzbischof Ndorobo endloses Vertrauen und grosse Beliebtheit genoss.
«Das führte dazu, dass sich bei den Krankenhausmitarbeitenden zunehmend die Meinung breit machte, dass die Tansanisierungspolitik die Entwicklung der Krankenhäuser eher verlangsamte als konsolidierte», sagt Dominik Mboya.
Ein Griff Kibatalas in die Spitalkasse führte zum Bruch der Partnerschaft zwischen SolidarMed und der katholischen Kirche. Ein Beleg mit offensichtlich gefälschtem Wechselkurs zeigte, dass sich Kibatala wohl um Tausende von Dollars bereichert hatte. Lokale Mitarbeitende der DEZA forderten seine sofortige Entlassung, die DEZA und SolidarMed drohten dem Bischof mit dem Entzug der Unterstützungsgelder, falls Patience Kibatala weiterhin auf seinem Posten bliebe.
Bischof Ndorobo stellte sich hinter seinen neuen Chefarzt, betrachtete die Forderung als Einmischung und warf dem SolidarMed-Team und anderen Mitarbeitenden kaltherzige Verleumdung vor. In einer Krisensitzung eskalierte die Situation. «Zur Hölle mit eurem Geld», dröhnte Bischof Ndorobos Stimme. SolidarMed wurde des Spitals verwiesen. Die Partnerschaft endete 1999.
Wir waren die eigentlichen Opfer der Tansanisierungspolitik
Kafuruki Shubis, tansanischer Arzt
Für Kafuruki Shubis und Dominik Mboya hatte der Konflikt persönliche Konsequenzen. Der Bischof vermutete die beiden Ärzte als eigentliche Urheber und Nutzniesser hinter dem Konflikt. Der Streit eskalierte: Bischof Ndorobo erstattete Anzeige bei der Polizei mit dem Vorwurf, Dominik Mboya, Kafuruki Shubis und der Distriktarzt Fred Lwilla hätten versucht, ihn und Patience Kibatala zu ermorden. Nach eingehender Untersuchung durch die Polizei wurden die Angeschuldigten von den schweren Vorwürfen entlastet. Doch die Weiterarbeit am St. Francis-Spital sollte ihnen verwehrt bleiben. «Wir waren die eigentlichen Opfer der Tansanisierungspolitik», sagt Kafuruki Shubis.
Nach dem Bruch zwischen der Diözese und der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit verlegte SolidarMed sein Büro in jenes des Distriktarztes. Und liess sich als internationale NGO (INGO) registrieren. Im Zentrum stand nun nicht mehr die Verbesserung der medizinischen Versorgung an Missionsspitälern, sondern allgemein die Stärkung des ländlichen Gesundheitssystems.
Rückblickend hatte der Streit mit dem Bischof auch etwas Gutes. Dominik Mboya ist heute im aktiven Ruhestand. Er arbeitet als Vorsitzender des Verwaltungsrats der Lumemo United Actions for Quality Education und berät diverse Organisationen in Gesundheitsfragen. Kafuruki Shubis arbeitet seit 2007 als Leiter der Abteilung für Aus- und Weiterbildung am renommierten Ifakara Health Institut (IHI), in der Zweigstelle Bagamoyo.
Seit dem Gründungsjahr 1926 prägen Menschen mit Engagement und Mut die Geschichte von SolidarMed. In dieser Porträtreihe beleuchten wir Persönlichkeiten, deren Einsatz die Entwicklung von SolidarMed und die Gesundheitsversorgung in Afrika nachhaltig geprägt hat.
Dieses Portrait ist ein Auszug aus einer Reihe von historischen Zeitzeugnissen, welche im Auftrag von SolidarMed von Marcel Dreier und Lukas Meier aufbereitet wurden. Die vollständige Arbeit der beiden Historiker ist als Buchband erhältlich.