
Das soziale Gewissen der Medizin
Thomas Gass
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Als junger Tropenmediziner reist Markus Frei 1980 ins unabhängige Simbabwe. Was folgt, ist eine prägende Laufbahn zwischen Spitalalltag, Aufbauarbeit in Tansania und dem Kampf gegen HIV/Aids – und ein Engagement, das SolidarMed nachhaltig verändert.
Heute weitgehend aus der Mode gekommen, war es zu Beginn der 1970er in der Schweiz üblich, der Begriff der «Dritten Welt» auf Länder im globalen Süden anzuwenden. Die Dritte-Welt-Bewegung in der Schweiz erlebte in den 1970er-Jahren ihren Höhepunkt. 1975 erschien der Bericht Entwicklungsland Welt – Entwicklungsland Schweiz.
«Das damalige intellektuelle und politische Umfeld war sehr inspirierend», erinnert sich Markus Frei. Aus dem Wunsch des Primarschülers, als Missionar nach Afrika zu gehen, wuchs ein neues globales Bewusstsein und die Hoffnung, zur Entwicklung einer gerechteren Welt beitragen zu können.
Funktionierende Gesundheitssysteme sind zweifellos entscheidend. Doch die Müttersterblichkeit wird sich kaum verringern, wenn sich niemand mehr auf einen Kaiserschnitt versteht
Markus Frei, Arzt in Simbabwe und Tansania
1980 bewarb sich der Mediziner Markus Frei, der eine Weiterbildung in Tropenmedizin absolviert hatte, bei SolidarMed für eine Stelle im St. Theresa’s Hospital in Simbabwe. Nach einem langen, blutigen Guerillakrieg war Simbabwe endlich frei von kolonialer Unterdrückung und rassistischer Diskriminierung.
Die Spitaladministration funktionierte reibungslos, die Geburtshilfe erfüllte ihren Zweck, und die Präventionsprogramme ausserhalb des Krankenhauses griffen effektiv. Frei führte Kaiserschnitte durch, behandelte Infektionskrankheiten, versorgte Knochenbrüche. Gleichzeitig beschäftigte ihn immer wieder das traurige Erbe des Befreiungskriegs, etwa in Form ungewöhnlich häufig auftretender Anthrax-Infektionen (Milzbrand).

Im Mai 1983 verliess Markus Frei das Theresa’s Hospital und Simbabwe. Er reiste nordwärts, erst zum Kilimandscharo in Tansania, dann in den Sudan, wo er für das Rote Kreuz als Arzt in einem Flüchtlingslager arbeitete. Die Rückkehr in die Schweiz nach drei Jahren war schwierig. Das Leben in der Heimat und die Stelle auf der Inneren Medizin in Olten blieben ihm als Kulturschock in der Erinnerung haften. Rasch schrieb er sich für einen Master in Public Health an der renommierten London School for Hygiene and Tropical Medicine ein.

Die Mitte der 1980er war eine Zeitenwende – für ihn persönlich wie auch auf dem Gebiet der Epidemiologie. 1985 häuften sich die ersten Anzeichen einer ‹neuen› Epidemie, die bereits genügend Zeit hatte, tödlich um sich zu greifen: HIV/Aids. In einer Dissertation trug Markus Frei das damalige Wissen über die Krankheit zusammen. Es sollte eine lebenslange und intensive Beschäftigung mit dem Virus bleiben.
Dann lockte der asiatische Kontinent. Nach einem Spitaleinsatz in Kambodscha reiste Markus Frei mit einer Freundin kreuz und quer durch Asien. In Peking erreichte ihn ein Telefonanruf aus der Schweiz mit dem Hinweis, dass SolidarMed einen leitenden Arzt für das St. Francis-Spital in Ifakara in Tansania suche. Markus Frei griff zum Kugelschreiber und schrieb eine Postkarte nach Luzern: «Ich interessiere mich für die Stelle» – so kurz kann ein erfolgreiches Bewerbungsschreiben ausfallen.
1988 war Markus Frei wieder in Ostafrika.Das ostafrikanische Land steckte in einer tiefen Wirtschaftskrise, es mangelte an allem: Zucker, Mehl, Benzin. Die Lehmstrassen waren zerklüftet, die Häuser links und rechts der Piste mit Stroh gedeckt, die Gesichter der Menschen hohlwangig. Und dann war da das St. Francis-Spital. Das Spital war Ausdruck für die ökonomische Misere des ganzen Landes.
Damals war HIV/Aids in der Schweiz noch stark tabuisiert und es gab nur wenige Praxen, die sich überhaupt für die Krankheit interessierten
Markus Frei, Arzt in Simbabwe und Tansania
Die DEZA investierte in die Infrastruktur des Spitals. Gleichzeitig kürzte sie dessen Betriebsbudget, zu dem sie seit Ende der 1970er Jahren über SolidarMed beigetragen hatte und forderte eine Abkehr von der rein kurativen, auf das Spital fokussierten Medizin, zugunsten einer Stärkung der Basisgesundheit in den Distrikten. Für Markus Frei, den Mediziner mit Public-Health-Ausbildung, widersprechen sich diese zwei Ansätze nicht. «Funktionierende Gesundheitssysteme sind zweifellos entscheidend. Doch die Müttersterblichkeit wird sich kaum verringern, wenn sich niemand mehr auf einen Kaiserschnitt versteht», sagt er.

1991 kehrte Markus Frei in die Schweiz zurück. Er trat dem Vorstand von SolidarMed bei und in eine Praxisgemeinschaft in Luzern ein. Viele seiner Patient:innen waren drogenabhängig und HIV-positiv. «Damals war HIV/Aids in der Schweiz noch stark tabuisiert und es gab nur wenige Praxen, die sich überhaupt für die Krankheit interessierten», sagt er.
Bei SolidarMed avancierte HIV/Aids zu einem Schlüsselthema. 2004 stand die antiretrovirale Therapie kostenlos für afrikanische Länder zur Verfügung. Auf Aufforderung der DEZA erarbeiteten Markus Frei und Thomas Gass ein SolidarMed-Projekt zur HIV-Therapie in vier afrikanischen Ländern. Dieses Projekt katapultierte SolidarMed in eine neue Ära: Über das HIV-Programm entwickelte die Organisation neue Strukturen in Richtung einer Programmorganisation – ohne aber auf die langjährigen Partnerschaften in Lesotho, Simbabwe, Tansania oder Mosambik verzichten zu müssen.
Seit dem Gründungsjahr 1926 prägen Menschen mit Engagement und Mut die Geschichte von SolidarMed. In dieser Porträtreihe beleuchten wir Persönlichkeiten, deren Einsatz die Entwicklung von SolidarMed und die Gesundheitsversorgung in Afrika nachhaltig geprägt hat.
Dieses Portrait ist ein Auszug aus einer Reihe von historischen Zeitzeugnissen, welche im Auftrag von SolidarMed von Marcel Dreier und Lukas Meier aufbereitet wurden. Die vollständige Arbeit der beiden Historiker ist als Buchband erhältlich.