
Ein Vorbild im Kampf gegen HIV
Schwester Euphrasia Gwanyanya
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Entgegen den «mitreisenden Ehefrauen» waren Ärztinnen im Auslandeinsatz für SolidarMed selten. Das Beispiel von Renate Albrecht zeigt, dass damit mehr fehlte als bloss eine Gleichstellung der Geschlechter. Nicht alles, was an Renate Albrechts Berichten über ihren Einsatz fasziniert, ist ihrer sozialen Position als Frau geschuldet. Durch ihre Worte öffnet sich ein Fenster in eine Welt, über die sonst selten erzählt wird.
Das Leben der Simbabwer:innen war im Jahr 2006 ein Kampf. Zur grassierenden Armut gesellte sich eine Aids-Epidemie unvorstellbaren Ausmasses. Kaum angekommen, widmete sich Renate Albrecht dem Kampf gegen das verheerende Virus. Zwar standen – auch dank SolidarMed – neue Therapien zur Verfügung, aber nur ein kleiner Teil der Betroffenen kam damals in den Genuss der lebensrettenden Medikamente.
Aber auch dem Gesundheitswesen als Ganzem ging es nicht gut. Der Staat befand sich in einer tiefen Krise, es fehlte an Geld. Und an Strom, Wasser, Benzin, Medikamenten, Löhnen. Doch trotz der vielen täglichen Dramen: Renate Albrecht verstand es, sich ihren Humor zu bewahren.
Renate Albrecht kam im August 2006 nach Simbabwe und bezog ab November eines der ‹Doctor-Houses› des Musiso-Spitals. Dort war sie nicht allein: Die beiden Angestellten Agnes Gwenhure und Rosa Mushiriwindi nahmen sie in ihre liebevolle Obhut. Sie kümmerten sich um einen Haushalt, der noch nicht von ‹Convenience›-Produkten geprägt war.
Agnes und Rosa führten Renate Albrecht ein in den Alltag in Musiso, später auch in ihre Familien und in ihre eigenen Wünsche: Eine Karriere und gesicherte Zukunft. Aus Solidarität und Zuneigung unterstützte Renate Albrecht die beiden Frauen aus Leibeskräften. So kam Renate Albrecht allmählich in ihrer simbabwischen Umgebung an.
Ihre Mitarbeiterin und einzige Anästhesistin am Musiso-Spital, Euphrasia Gwanyanya, führte Renate ins Haus ihrer Mutter Agnes ein. Und schon bald war Renate Albrecht dort ein regelmässiger und gern gesehener Gast. Auch mit ihrer 76-jährigen Nachbarin Sr. Theresa war sie freundschaftlich verbunden. Die beiden steckten sich gegenseitig Mangos, Eier, selbstgebackenen Kuchen am Zaun zu.

Den grössten Einfluss auf die Gesundheit der Bevölkerung hat man, wenn Mädchen mindestens sechs bis sieben Jahre zur Schule gehen können!
Renate Albrecht, Ärztin in Simbabwe
Das Schicksal von Frauen prägte auch Renate Albrechts Berufsleben. Sie begriff ihre medizinische Tätigkeit nicht isoliert, sondern in einem grösseren Zusammenhang. Sie war überzeugt, dass die verbreitete Armut und die patriarchalen Familienstrukturen die Gesundheit von Müttern und Kindern beeinträchtigten.
Für Albrecht war klar: Als Ärztin allein konnte sie die Probleme nicht lösen. «Den grössten Einfluss auf die Gesundheit der Bevölkerung hat man, wenn Mädchen mindestens sechs bis sieben Jahre zur Schule gehen können!» Damit richtet sich ihr Blick weit über die medizinische Versorgung einzelner Frauen hinaus
Die steile Lernkurve in der Geburtshilfe, aber noch mehr die Gespräche, die sie von Frau zu Frau über deren Lebensrealitäten führt, helfen Albrecht beim «Heimischwerden». Renate Albrechts Platz war unter den Frauen. In den Teepausen auf der Wöchnerinnenstation wurden ganze Lebensgeschichten ausgebreitet. Auf den langen Autofahrten (von Spital zu Spital) beriet sie die Studierenden in Liebes- und Lebensfragen. Sie erlebte eindrücklich, wie Frauen in einem – wie wir heute sagen würden – safe space aufblühen konnten.
Also schaffte Albrecht Gelegenheiten für solchen Austausch unter Frauen. Und am Ende ihrer Zeit in Musiso schmiss sie eine legendäre «all women’s oder women only party». Davongetragen von der Musik, liessen die rund 50 Frauen ihre Alltagssorgen hinter sich. und zelebrierten beim Tanz ihre Weiblichkeit und Kraft: «Buttock Power – Breast Power».
Am Ende sagten ihr die Freunde in Musiso, sie verhalte sich wie eine Afrikanerin. Dies war durchaus als Kompliment gemeint. Sie war Teil einer afrikanischen Familie. Die schwierige politische Lage in Simbabwe, ein schwerer Konflikt mit der Matron am Spital und die Aussicht, Verantwortung loszulassen, vereinfachten ihr den Abschied.

Doch die Frau, die nun mit gepackten Koffern ins gesättigte ‹Paradies Europa› zurückkehren sollte, war nicht mehr dieselbe, die damals ausreiste. Der Einsatz in Simbabwe ist für Renate Albrecht bis heute «the time of my life». Die Zeiten in den Rundhütten mit den Menschen sind ihr als Höhepunkte ihres Einsatzes geblieben. Ein von der befreundeten Pflegehelferin Nyamunda handgemachter Tontopf steht bei ihr zu Hause auf dem Fenstersims.
Seit dem Gründungsjahr 1926 prägen Menschen mit Engagement und Mut die Geschichte von SolidarMed. In dieser Porträtreihe beleuchten wir Persönlichkeiten, deren Einsatz die Entwicklung von SolidarMed und die Gesundheitsversorgung in Afrika nachhaltig geprägt hat.
Dieses Portrait ist ein Auszug aus einer Reihe von historischen Zeitzeugnissen, welche im Auftrag von SolidarMed von Marcel Dreier und Lukas Meier aufbereitet wurden. Die vollständige Arbeit der beiden Historiker ist als Buchband erhältlich.