
Frauen im Fokus
Renate Albrecht
Unsere Vision
Unsere Vision ist eine Welt, in der alle Menschen in bestmöglicher Gesundheit, in Würde und selbstbestimmt leben können.
Zahlungsverbindungen
Postkonto: 60-1433-9
IBAN: CH09 0900 0000 6000 1433 9
BIC: POFICHBEXXX
Sie können Ihre Spenden von den Steuern abziehen.
Schweizerische Steuerbefreiungsnummer: CH-100.6.797.446-9
Marie-Thérèse und Josef Jeker wollten ursprünglich nach Bhutan. Doch ein unerwarteter Brief führt sie nach Lesotho: Dort warten ein abgelegenes Spital, extreme Armut und fremde Lebensweisen, die ihr Weltbild und ihr Engagement für immer verändert.
Eigentlich wollen Marie-Thérèse Jeker und ihr Mann Josef nach Bhutan. Sich einsetzen für Land und Leute im südasiatischen Bergland. Doch dann kommt ihnen der Zufall in Form eines Briefes dazwischen: Geschrieben von ihren Freunden, der Familie Bleisch, die mit drei kleinen Kindern in Lesotho weilt. Ganz am Ende des Briefes die verfängliche Frage: «Im Roma-Spital ist eine Ärztin ausgefallen: wollt ihr nicht kommen?»
«Wir diskutierten, wägten ab, schlugen uns die Nächte um die Ohren und fassten dann den Entschluss: Wir gehen!», erinnert sich Marie-Thérèse Jeker.
Heute müssen sich junge Frauen rechtfertigen, wenn sie nicht arbeiten. Doch damals habe ich dies keine Sekunde lang infrage gestellt.
Marie-Thérèse Jeker, mitreisende Ehefrau
Doch die Ausreise ist gravierender für Marie-Thérèse Jeker als für ihren Mann. Während der Mediziner Josef Jeker für SolidarMed bald im weissen Ärztekittel durch die Korridore des Roma-Spitals schreitet, kündigt sie ihre Stelle als Sprachlehrerin an einer Mittelschule in Basel, ohne Aussicht auf eine Arbeitsstelle in Lesotho. Sie wird für ihren Mann und den zweijährigen Sohn Dominique Paul sorgen. «Heute müssen sich junge Frauen rechtfertigen, wenn sie nicht arbeiten», sagt Marie-Thérèse Jeker. «Doch damals habe ich dies keine Sekunde lang infrage gestellt.»

Marie-Thérèse Jeker kümmert sich um die Familie. Bald wird Sohn Lukas Thabo das Familienglück ergänzen. Die Hausarbeiten nehmen viel mehr Zeit in Anspruch als in der Schweiz: keine Spülmaschine, keine Mikrowelle, keine Waschmaschine. Marie-Thérèse Jeker kauft ein, kocht, wäscht schmutzige Windeln und wirft zuweilen einen prüfenden Blick in den Garten, in dem sich die Kinder tollen.
Wir Ärzte konnten nur wenig ausrichten, angesichts der grossen medizinischen Probleme des Landes
Josef Jeker, Assistenzarzt in Lesotho
Die Angst um die eigene Sicherheit, Sprachbarrieren und das Zurückhalten des eigenen Wohlstands vor mittellosen Menschen, bringen das Weltbild ins Wanken. In alltäglichen Situationen offenbart sich die Unsicherheit darüber, wie man sich der Lokalbevölkerung gegenüber zu verhalten habe. So sehen sich die Jekers auf einem Sonntagsausflug umringt von Kindern, die mit geweiteten Augen auf das Essen starren. Die Szene bleibt als Symbol ihrer eigenen Machtlosigkeit angesichts der grossen Probleme Lesothos in der Erinnerung haften. Macht das alles Sinn?
Man fragt sich, wie das Gesundheitssystem Lesothos verbessert werden könnte. «Wir Ärzte konnten nur wenig ausrichten, angesichts der grossen medizinischen Probleme des Landes», erinnert sich Josef Jeker. Es hätte grosse strukturelle Reformen benötigt, um die wirtschaftliche Schieflage zwischen dem reichen Norden und dem armen Lesotho ins Lot zu bringen. Der Aufenthalt in Lesotho wird zum prägenden Erlebnis für die Familie Jeker. Er verändert den Blick auf das Fremde und auf das Eigene.

Zurück in der Schweiz wird Marie-Thérèse Jeker zum dritten Mal Mutter. Und beginnt sich stärker für Gleichstellungsfragen zu interessieren: in der Kirche, in Politik und Gesellschaft. Von 1993 bis 2004 politisiert Marie-Thérèse Jeker für die damalige Christlichdemokratische Volkspartei (CVP) im Grossen Rat von Basel. Auf internationaler Ebene engagiert sie sich als Fraktionspräsidentin der CVP von Basel-Stadt für einen Beitritt der Schweiz zur UNO. Mehrere Jahre ist sie auch Mitglied der Kommission für Entwicklungszusammenarbeit von Basel-Stadt. In der Landeskirche ist sie Mitinitiantin der «kirchlichen Gleichstellungsinitiative beider Basel.
In den 1980er-Jahren kommt das Thema der ‹Rolle der mitreisenden Ehefrau› auch innerhalb von SolidarMed zur Sprache. Josef Jeker, der von 1984 bis 1989 SolidarMed präsidiert, widmet eine ganze Generalversammlung diesem Thema. Doch der schleichend einsetzende strukturelle Wandel bei SolidarMed von einer ‹Entsendeorganisation› in Richtung einer ‹Programmorganisation› liessen das Nachdenken über die ‹Rolle und Funktion der mitreisenden Ehefrau› obsolet erscheinen.

«Heute ist SolidarMed eine anerkannte NGO, die vor allem auf Expertinnen und Experten aus den Ländern des Südens setzt», sagen Marie-Thérèse und Josef Jeker. Dass SolidarMed dabei Gleichstellungsfragen hoch gewichtet, ist nicht zuletzt auch diesen beiden und den Einsichten zu verdanken, die sie aus dem südafrikanischen Bergland zurückbrachten.
Seit dem Gründungsjahr 1926 prägen Menschen mit Engagement und Mut die Geschichte von SolidarMed. In dieser Porträtreihe beleuchten wir Persönlichkeiten, deren Einsatz die Entwicklung von SolidarMed und die Gesundheitsversorgung in Afrika nachhaltig geprägt hat.
Dieses Portrait ist ein Auszug aus einer Reihe von historischen Zeitzeugnissen, welche im Auftrag von SolidarMed von Marcel Dreier und Lukas Meier aufbereitet wurden. Die vollständige Arbeit der beiden Historiker ist als Buchband erhältlich.